Beinahe hätte ich es doch vergessen, auf das Nähfragezeichen zu antworten. Meike bzw. Frau Linkshänderin hatten gefragt:

Trauma oder Vorbild  Wurdest du als Kind von Mama, Oma, Tante oder vielleicht sogar Papa benäht/bestrickt/becraftelt? Hat diese Person auch für sich selbst genäht? Wie fandest du das damals? Und wie findest du es aus heutiger Sicht. Hat es dich geprägt?

Und dazu kann ich nur sagen: Ja, auf jeden Fall! Denn das Näh- bzw. Handarbeitsgen durchzieht mehrere Generationen meiner Familie.
Mit meiner Urgoßmutter mütterlicherseits verbinde ich u. a. eine wunderschöne alte Tretpfaff von 1914, auf der über Jahrzehnte hinweg die gesamte Familie benäht wurde und auf der ich meine ersten Nähversuche unternahm. Als meine Urgroßmutter starb, wurden die Nähmaschine und das Benähen der Familie von meiner Mutter übernommen, die sich das anhand von rübergeschmuggelten Burdaheften im Wesentlichen selber aneignete. Da sind für meinen Bruder und mich viele tolle Sachen und echte Lieblingsstücke entstanden und auch für meinen Vater die eine oder andere Hose. Ich erinnere mich z. B. an eine supertolle Windjacke von mir aus einem rotem Inlett-Stoff (an Stoffe zu kommen war damals schwierig). Als Kind liebte ich es, neben der Nähmaschine zu spielen und in Knöpfen zu wühlen. Und mit einem kleinen Spielzeugmagneten sammelten mein Bruder und ich die heruntergefallenen Stecknadeln auf.

Ein Ereignis ist bei mir ganz besonders hängen geblieben: Für eine Aufführung von ‚Dörnröschen‘ zum Kindergarten-Sommerfest traf sich eine ganz Reihe von Muttis bei uns, um dafür die Kostüme zu nähen. Eine der Muttis arbeitete am Theater und hatte die schönsten Satin- und Brokat- und Tüllreste für die Feen-Kostüme  mitgebracht. Da wurde bei uns am großen Tisch gewerkelt, was das Zeug hielt, und ich mittendrin – also wenn das nicht prägt! Hier ein Beweisfoto, mit mir als 5. Fee von rechts im Brokatrock (da der Stoff knapp war, waren auch Feen-Röcke damals nicht ganz so üppig wie heute).

Und hier noch eins mit selbstgemachten Faschingskostümen, neben mir mein kleiner Bruder als kleiner Muck. Auf den mit Plastiktüten ausgestopften Turban war meine Mutti – mit Recht – so stolz, dass er noch heute, ca. 30 Jahre später, existiert.

Außerdem benähte uns meine Großmutter väterlicherseits, die gelernte Schneiderin war. Gestricktes gab es von ihrer Zwillingsschwester, die auch mir das Stricken, Häkeln und Sticken und überhaupt die Liebe zu Handarbeiten beibrachte, wofür ich ihr heute noch unendlich dankbar bin. Und auch meine Mutti strickte für uns wunderschöne Sachen. Wie hier für mich ein Kleid mit Lochmuster und Mausezähnchenrand in Gelb (meiner damaligen Lieblingsfarbe).

‚Gecraftelt‘ (damals nannte man das ‚Basteln‘, die Älteren werden sich erinnern) wurde bei uns dann meist um die Weihnachtszeit, um Geschenke für Freunde und Familie herzustellen, die fast alle ‚Drüben‘ lebten. Da wurden Holzbrettchen bemalt oder Muster mit heißen Nadeln eingebrannt, aus Holzwäscheklammern Untersetzer geklebt, Topflappen genäht/gehäkelt, aus Suralin (sowas wie heute Fimo) Kleinigkeiten wie Kerzenhalter gebastelt oder aus Granulat kleine bunte Scheiben im Backofen gebrannt, die man in die Fenster hängte. Wenn ich so zurückblicke, haben wir echt eine Menge gemacht.

Als sich meine Mutter eine neue, elektrische Veritas zulegte (die noch heute ihren Dienst tut), bekam ich die Tretmaschine meiner Urgroßmutter, später gab’s dann nach und nach was Moderneres. Und heute geben meine Mutti und ich uns gegenseitig Näh- und Handarbeitstipps!

Ja, das Nähen bzw. Handarbeiten in meiner Familie hat mich geprägt, denn sonst würde dieses Blog nicht existieren! Die Gedanken an die ratternde Nähmaschine und die Bastelstunden sind verbunden mit Gefühlen von Wärme und Geborgenheit. Und ich weiß noch, wie toll es sich angefühlt hat, den ersten selbstgestrickten Pullover oder das erste selbstgenähte Teil zu tragen.

Ein Dankeschön an Meike und Frau Linkshänderin für die Aktion und die Frage!

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